Krankenhaus Mara

 
Suchen
03.05.2016

25 Jahre präoperative Epilepsiediagnostik: Wie Detektive der Epilepsie auf der Spur


Andreana van Craenenbroeck, Prof. Dr. Christian Bien und Dr. Reinhard Schulz kommen mit dem EEG-Monitoring dem Epilepsie-auslösenden Herd im Gehirn auf die Spur.

Der Patient ist während der Operation wach. Die Diagnostiker stellen ihm Aufgaben, um wichtige Gehirnstrukturen zu erkennen und zu erhalten. (Foto: Epilepsie-Zentrum Bethel)

Dr. Reinhard Schulz (l.) und Prof. Christian Bien sind sich sicher, wo im Gehirn der Anfall entsteht.

Der „Bote von Bethel“ 1988 hatte es in sich. Der Bethel-Vorstand warb für Akzeptanz der Epilepsiechirurgie. Auf dem Titelbild ist Andreana van Craenenbroek mit einer Patientin zu sehen.

Es war eine wegweisende Entscheidung, die der Vorstand der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in den 1980er Jahren traf. Das Epilepsie-Zentrum Bethel sollte, als eine der ersten Einrichtungen Deutschlands, eine Epilepsiechirurgie erhalten. Das Vorhaben war mit erheblichen Kosten verbunden, vor allem für die neue Diagnosetechnik. Denn vor der Operation muss die Stelle im Gehirn, wo der Anfall entsteht, präzise bestimmt werden. Die Station für präoperative Epilepsiediagnostik im Epilepsie-Zentrum Bethel gibt es seit 25 Jahren.

„Möchten Sie nach Amerika?“ Die medizinisch-technische Assistentin Andreana van Craenenbroeck wusste Ende der 1980er-Jahre, was mit der Frage gemeint war: Nach und nach schickte die Leitung des Epilepsie-Zentrums Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter zur Fortbildung in die USA. „Es gab drei Zentren, die in präoperativer Diagnostik und Epilepsiechirurgie führend waren: in Montreal, in Los Angeles und in Cleveland. Bethel hat sich für Cleveland entschieden“, sagt die Fachfrau für Funktionsdiagnostik, die eineinhalb Jahre in den Staaten blieb. Heute arbeitet sie in der Video-EEG-Diagnostik im Epilepsie-Zentrum. In einem Raum voller Monitore zeichnet sie die Abfolge eines Anfalls synchron zur Hirnaktivität auf.

Das Video-EEG-Monitoring gibt Anhaltspunkte für den Sitz der Anfallsquelle im Gehirn. Noch mehr Informationen übermitteln Bilder aus dem Magnetresonanztomographen (MRT). „Die präoperative Diagnostik ist vergleichbar mit Detektivarbeit. Stück für Stück setzen wir ein Puzzle zusammen und kommen der epileptogenen Zone immer weiter auf die Spur“, erläutert Dr. Reinhard Schulz, leitender Oberarzt der präoperativen Epilepsiediagnostik und stellvertretender Chefarzt des Epilepsie-Zentrums Bethel. Die Einrichtung verfügt über einen sehr leistungsstarken MRT, der hochauflösende Bilder liefert. Das Gerät mit einer magnetischen Flussstärke von 3 Tesla wurde 2011 angeschafft. „Die Investition hat sich gelohnt. Wir erkennen jetzt verdächtige Strukturen, die wir vorher mit dem 1,5-Tesla-Gerät nicht sehen konnten“, so Dr. Schulz.

Viele Epilepsien lassen sich gut mit Medikamenten behandeln. Wer dadurch anfallsfrei bleibt, wird nicht operiert. „Aber es gibt eine Gruppe, bei der bis auf wenige Ausnahmen keine Antiepileptika wirken. Das sind Patienten mit einer fokalen kortikalen Dysplasie. Eine Fehlentwicklung in der Großhirnrinde ist verantwortlich für die Anfälle“, informiert Prof. Dr. Christian Bien, Chefarzt im Epilepsie-Zentrum Bethel. Die Erfolge durch Medikamenteneinnahme liegen bei dieser Form der Epilepsie bei 0 bis10 Prozent. „Das ist verschwindend gering. Dem gegenüber stehen 60 Prozent erfolgreiche epilepsiechirurgische Eingriffe“, macht Prof. Bien deutlich. Bei der Operation wird das Areal entfernt, das die Anfälle erzeugt, oder aber die Nervenbahnen, über die sich die Anfälle ausbreiten, werden unterbrochen.

Als Bethel vor 25 Jahren die Epilepsiechirurgie einführte, gab es im Vorfeld heftige Diskussionen. Einerseits ging es um die hohen Investitionen, die an anderer Stelle eingespart wurden. Andererseits ging es aber auch um das Selbstverständnis der diakonischen Einrichtung. Mit der Epilepsiechirurgie betrat Bethel neue Pfade in der Behandlung. Dafür sei Bethel 1867 nicht gegründet worden, sondern als Heimat und Arbeitsort für Menschen mit Epilepsie, so die Gegner. Sie zitierten Friedrich v. Bodelschwingh: „Medizin kann man überall einnehmen, dazu ist keine Anstalt nötig. Bethels Ziel reicht weiter, es reicht in die Ewigkeit.“ Heil oder Heilung – zu der Frage bezog im „Boten von Bethel“ im Frühjahr 1988 der Vorstand Stellung: „Der Fortschritt der Medizin, gerade auch auf dem Gebiet der Epilepsieforschung, hat kühnste Träume wahr werden lassen. Dürfen wir davor die Augen verschließen?“

50 Prozent Heilung war die Hoffnung der Epilepsie-Chirurgie-Befürworter. „Das war gut geschätzt. Tatsächlich können wir heute rund 50 Prozent der Patienten helfen“, sagt Dr. Reinhard Schulz. Bei der OP wird so wenig wie möglich und so viel wie nötig herausgeschnitten. Eine Behinderung als Folge des Eingriffs ist zu vermeiden. „Wenn der Patient die epileptischen Anfälle jedoch als extrem beeinträchtigend empfindet, dann nimmt er als Preis für die Anfallsfreiheit vielleicht sogar eine schlechtere Motorik, eine leichte Sprachstörung oder eine Beeinträchtigung der Gedächtnisfunktion in Kauf“, gibt Dr. Schulz zu Bedenken.

Manchmal liegt die epileptogene Zone dicht neben einem wichtigen Areal, zum Beispiel nahe dem Sprachzentrum. In der Epilepsiechirurgie in Bethel werden die betroffenen Patienten sogar im Wachzustand operiert. „Der Vorteil der Wachoperation ist, dass wir mit dem Patienten reden und ihm Aufgaben stellen können“, macht Dr. Schulz deutlich. Die Schädeldecke wird unter Narkose geöffnet. Dann wird der Patient aufgeweckt. „Das Gehirn ist schmerzunempfindlich. Wir setzen mit Elektroden Reize im Gehirn. Wenn der Patient Schwierigkeiten beim Sprechen hat, muss dieses Areal verschont werden“, erläutert Dr. Schulz, der als erfahrener Diagnostiker mit dabei ist.

Die Technik, die für die präoperative Epilepsiediagnostik zur Verfügung steht, hat sich über die Jahre kontinuierlich verbessert. „Wenn uns die modernen Möglichkeiten schon vor zehn Jahren zur Verfügung gestanden hätten, hätten wir einige unserer Langzeitpatienten früher operieren können, und sie hätten heute vielleicht keine Lernbehinderung“, vermutet Prof. Bien. Unbehandelt können Anfälle die kognitive und geistige Entwicklung stark beeinträchtigen. Sie breiten sich bei sehr aktiven Epilepsien über viele Jahre in die gesunden Bereiche des Gehirns aus. Deshalb plädiert Prof. Bien dafür, auch bei Kindern so früh wie möglich zu operieren. „Oft hören wir: Lasst die Kinder doch erstmal in Ruhe groß werden. Das ist falsch. Eine OP ist sogar schon im ersten Lebensjahr möglich“, betont Prof. Christian Bien. Seit die Epilepsiechirurgie vor 25 Jahren in Bethel eingeführt wurde, konnten 1.200 Menschen geheilt werden. Sie haben nie wieder einen Anfall bekommen.

von Silja Harrsen

» Präoperative Intensivdiagnostik und Epilepsiechirurgie


© 2017 Krankenhaus Mara