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09.09.2015

Jung, intelligent, mit Gedächtnislücken: Epilepsien mit entzündlichen Ursachen treffen Menschen jeden Alters


Prof. Dr. med. Christian Bien ist einer von wenigen Spezialisten in Europa, der sich auf die Diagnose und Therapie entzündlicher Epilepsien spezialisiert hat. Foto: Mario Haase

Bei sogenannten Autoimmun-Epilepsien lässt das Gedächtnis nach, die Persönlichkeit verändert sich innerhalb kurzer Zeit, es treten epileptische Anfälle auf. Eine konsequente Therapie hilft dauerhaft, wenn die Krankheit richtig diagnostiziert wurde. Im Epilepsie-Zentrum Bethel ist man darauf spezialisiert. Die neuen Behand-lungsmöglichkeiten wurden nun vor 120 Spitzenmedizinern auf dem Internationalen Epilepsie-Symposium in Bethel vorgestellt und diskutiert. Wissenschaftlicher Partner der Fachveranstaltung war die Universität Oxford.

Susanne B. aus Delmenhorst ist 18 Jahre jung, eine Superschülerin, intelligent, wissbegierig und immer bestens drauf. Die Vorbereitungen für ihr Abitur laufen wie am Schnürchen. Alles gut, bis sie eines Tages bemerkt, dass sie Konzentrationsschwächen hat und sich an die spektakuläre Klassenfahrt vor einem halben Jahr nicht mehr erinnern kann. „Innerhalb von nur wenigen Wochen hat sich auch ihre Persönlichkeit verändert“, bemerkt Susannes Schwester. Die junge Schülerin geht zum Neurologen, der die Erzählungen über kurze Be-wusstseinspausen, in denen die Patientin nicht auf Ansprache reagiert, nach eingehenden Untersuchungen als epileptische Anfälle diagnostiziert.

Epilepsie hat unterschiedliche Ursachen 

„Epilepsie beschreibt keine einzelne Krankheit, sondern ist ein Oberbegriff für unterschiedliche Formen von Hirnerkrankungen. Entsprechend unterschiedlich können die Anfallsformen sein – von einem minimalen Muskelzucken bis hin zum großen Anfall mit heftigen Krämpfen, unkontrollierbaren Zuckungen und Bewusstseinsverlust“, erklärt Dr. Philip Grewe, Diplom-Psychologe im Epilepsie-Zentrum Bethel und ergänzt: „Epilepsieerkrankungen haben unterschiedliche Ursachen und Auslöser.“ Denen gehen die Fachärzte im Epilepsie-Zentrum Bethel auf den Grund

Nach der Diagnose durch den niedergelassenen Neurologen bekommt Susanne B. ein be-währtes Medikament. „Zwei Drittel aller Epilepsieerkrankten werden mit dem ersten Medi-kament, das sie bekommen, anfallsfrei“, sagt Professor Dr. Christian Bien, Chefarzt der Epilepsiekliniken Mara im Epilepsie-Zentrum Bethel. 

Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer 

Die Schülerin aus dem Norden spricht auf die Antiepileptika nicht an. Sie hat weitere Anfälle, ihre Gedächtnisleistung nimmt stärker ab, sie entwickelt Depressionen. Ihr Facharzt überweist die verzweifelte junge Frau ins Epilepsie-Zentrum Bethel. „Die Ursachen für Epilepsien sind vielfältig. Ein Unfall, eine schwere Krankheit oder ein Schlaganfall schädigen das Hirn. Es gibt aber leider auch epilepsieerkrankte Menschen, bei denen wir die Ursache noch nicht kennen. Allerdings hat sich in den letzten Jahren durch intensive Forschung eine Menge getan“, erklärt Bien, der mit seinem Team, dem Epilepsie-Zentrum Berlin Brandenburg, der Gesellschaft für Epilepsieforschung und als Partner der Universität Oxford erstmals nach Bethel zu einem internationalen Symposium eingeladen hatte. 120 Spitzenmediziner und Forscher auf dem Gebiet der Epilepsie diskutierten und informierten unter anderem über solche Fälle wie den von Susanne B., deren Krankengeschichte ein gutes Ende nimmt. 

Laborarbeit auf Uniniveau

„Wir haben mit ihr einige Tests zur Hirnleistung gemacht. Sie bekam 15 Wörter, die wir fünf Mal wiederholt haben. Im fünften Durchgang hatte sie 12 behalten und kam in allen Durchgängen auf 46 Wörter. Das ist für eine junge Schülerin eher durchschnittlich. Nach einer halben Stunde, und das ist entscheidend, wusste sie nur noch zehn Begriffe“, beschreibt Grewe das Ergebnis der ersten Tests. Der Krankheitsverlauf, relativ schnell an Ge-dächtnisleistung zu verlieren, seine Persönlichkeit zu verändern, epileptische Anfälle zu haben und auf bewährte Antiepileptika nicht zu reagieren, bringt die Spezialisten im Epilepsie-Zentrum Bethel sofort darauf, eine Antikörperdiagnostik einzuleiten. „Wir sind in unserem Labor hochmodern ausgestattet. Ein Schwerpunktthema unserer Arbeit ist die Diagnostik und Therapie sogenannter Autoimmun-Epilepsien, also Epilepsien mit entzündlicher Ursache. Diese liegen uns sehr am Herzen“, erläutert Christian Bien, der sich darauf spezialisiert hat, entzündliche Formen von Epilepsien so schnell wie möglich zu erkennen.

Alt, jung, vergesslich

„Diese Erkrankung kann Menschen in jedem Alter treffen. Für junge Leute ist es nachvoll-ziehbar unbegreiflich, dass sie quasi von heut auf morgen schwere Erinnerungslücken haben, aber auch bei älteren Menschen ist diese Erkrankung, wenn sie nicht erkannt wird, fatal. Gedächtnisprobleme werden schnell mit beginnenden Demenzerkrankungen assoziiert. Das kann in die falsche Richtung gehen. Da sind Betroffene auch schon mal in einem Pflegeheim gelandet, obwohl sie da gar nicht hingehören“, warnt Grewe, zumal Epilepsien mit entzündlichen Ursachen in jedem Alter in den Griff zu bekommen sind.

Gute Heilungschancen

Die Antikörpertests im Labor des Epilepsie-Zentrums bringen Gewissheit. Durch eine Ent-zündung haben sich Antikörper gebildet, die bestimmte Areale an der Gehirnoberfläche attackieren, die für Gedächtnis und Stimmung zuständig sind, wie in Susanne B.’s Fall. Die individuell auf Susanne B. zugeschnittene Therapie mit ausgesuchten Immunpräparaten ge-koppelt mit einer psychosozialen Begleitung hilft. Nach etwa einem halben Jahr sind alle Symptome verschwunden. „Sie hat uns in Gesprächen auch gesagt, dass sie komplexe Texte nicht mehr behalten konnte und das hat ihr in der Vorbereitung zum Abitur noch zusätzlich Angst gemacht.“ Den aussagekräftigen Wörtertest besteht Susanne nach einigen Wochen mit einer deutlichen Leistungssteigerung. Nach den fünf Runden behält sie alle 15 Begriffe, bringt insgesamt 61 Wörter zusammen und entscheidend ist: Nach einer halben Stunde weiß sie noch alle 15 und erinnert sich auch wieder an die letzte große Klassenfahrt. Ihr Abitur besteht sie mit Bravour. Nach einem Jahr ohne Anfall darf sie auch wieder Auto fahren und ein ganz normales Leben führen.

Spitzenmediziner im Netzwerk

Eine Patientin, die von der intensiven Forschung im Epilepsie-Zentrum Bethel und der inter-nationalen Zusammenarbeit mit anderen Spitzenmedizinern profitiert hat. Jeder Krankheitsfall in der Epilepsie ist so individuell, dass man nur durch ein ausgezeichnet funktionierendes Netzwerk die bestmögliche Diagnose stellen und die passgenaue Therapie entwickeln kann. Ein ausgewiesenes Epilepsie-Symposium ist ein Knotenpunkt in diesem Netzwerk. Unter dem Vorsitz von Professor Dr. Christian Bien vom Epilepsie-Zentrum Bethel und Professor Dr. Martin Holtkamp vom Epilepsie-Zentrum Berlin-Brandenburg, das ebenfalls zu den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel gehört, treffen sich die Spitzenmediziner zukünftig alle zwei Jahre im Wechsel an den Standorten Berlin und Bethel. Zu jeder neuen Veranstaltung wird international eine Universitätsfakultät oder ein herausragendes Institut themenspezifisch eingeladen.

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» Antikörper-Labor im Epilepsie-Zentrum Bethel


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